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Neun Stationen
Momentaufnahmen aus der Bremer Nervenklinik im Jahre 1952

Wir schreiben das Jahr 1952. Die Bremer Nervenklinik erholt sich nur langsam von den dramatischen Folgen des Zweiten Weltkrieges und dem dunklen Kapitel der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik. Die Hypothek hunderter unter dem Deckmantel der "Euthanasie" ermordeter ehemaliger Patienten und Patientinnen lastet schwer auf der durch Kriegseinwirkungen stark zerstörten Klinik und ihrer Bewohner. Das Klima in der Mitarbeiterschaft ist gespannt, denn die Auseinandersetzung unter den gespaltenen politischen Lagern ehemaliger Nazis und entlassener Linker wird durch die Entnazifizierung der Alliierten angeheizt. Auf der Tagesordnung steht die Wiedergutmachung der Verfolgten und die politische Entlastung ehemaliger Mittäter durch "Persilscheine".
Der von den Amerikanern eingesetzte neue Chef der Bremer Nervenklinik strebt nach dem Vorbild der angelsächsischen Mental Health Bewegung eine moderne psychiatrisch-neurologische Klinik an, die bald mit ihren zahlreichen Neugründungen aus der Landschaft der deutschen Landeskrankenhäuser herausragen wird. Die in Außenhäusern ausgelagerte Langzeitpsychiatrie tritt über Jahre genauso in den Hintergrund wie die Beschäftigung mit den verdrängten nationalsozialistischen Psychiatrie- und Medizinverbrechen.
Die ausgestellten neun Momentaufnahmen aus dem Jahre 1952 bilden ein facettenreiches Zeitpanorama ab, das die gesellschaftliche Umbruchssituation einer traditionsreichen bremischen Wohlfahrtsinstitution festhält. Die Einführung des EEG, der Beginn der Suchttherapie alkoholkranker Menschen, innovative Verfahren in der Kinderpsychotherapie und die Markteinführung der Psychopharmaka gingen einher mit dem Festhalten an alt hergebrachten Pflegeroutinen und bestehenden Vorurteilen gegenüber Fremdem und Menschen mit psychischen Erkrankungen. Verstrickungen in nationalsozialistische Verbrechen wurden bagatellisiert. Vorherrschend war der Wunsch nach angepasster Normalität, in der es galt, bloß nicht aufzufallen.
Die Präsentation Neun Stationen verbindet medizin-und zeithistorische Themen mit einer künstlerischen Position und lädt dazu ein, sich auf ungewöhnliche und überraschende Weise mit Bekanntem und Unbekanntem auseinanderzusetzen. Die Gemeinschaftsausstellung des Krankenhaus-Museums und der Galerie im Park ist in Zusammenarbeit mit der Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht und dem Künstler Alexander Steig entstanden.
Gerda Engelbracht hat, basierend auf ihrer Publikation Von der Nervenklinik zum Zentralkrankenhaus BremenOst (Bremen 2004), die 1950er Jahre genauer unter die wissenschaftliche Lupe genommen, und ist für das Stichiahr der Ausstellung - 1952 - fündig geworden. Die überraschenden Ergebnisse ihrer Recherche hat sie in kurzen Textbeiträgen dokumentiert und zusammen mit der Auswahl der Exponate die wissenschaftliche Grundlage der Präsentation geliefert.
Die Ausstellung zeigt ausschließlich originale Dokumente und Objekte. Die Präsentation beschränkt sich darauf, diese stummen, zum Teil seltenen Zeitzeugnisse, zum Wirken zu bringen und beim Betrachter ambivalente Stimmungen, Gefühle und Gedanken.
Das attraktive Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen, Lesungen und Konzerten weist über die Neun Stationen hinaus und ermöglicht weitere Einblicke in ein Jahr, in dem Kultur und Gesellschaft Weichen gestellt hat, die bis heute wirkmächtig sind.

Achim Tischer, Krankenhaus-Museum Bremen

 

Der künstlerische Blick auf historische Momentaufnahmen

Den in München lebenden Künstler Alexander Steig interessieren jene Ausdrucksformen, die sich als Installation, Environment und reale oder medial vermittelte Aktion äußern und die mit transitorischen Erscheinungsformen innerhalb statischer Rahmen operieren.
Dabei bedient er sich formal gesehen dem so genannten "closed-circuit"Prinzip, dessen Grundlage das besondere Verhältnis der Gleichzeitigkeit von Realität und Abbild ist. Eine solche Anordnung beschreibt eine geschlossene Abbildungssituation, bei der das Aufnahmemedium (die Kamera) direkt mit dem Abbildungsmedium (dem Monitor) verbunden, und der Abbildungsgegenstand durch die Live-Übertragung signifikanter Teil der Installation ist. Steig entwickelt seine Installationen zumeist vor dem Hintergrund architektonischer, historischer und/oder sozialer Vorgaben, wobei es ihm gelingt, eine Symbiose von dem Ausstellungsort, und eigener künstlerischer Intervention herzustellen. Vor diesem Hintergrund erarbeitete Steig ein künstlerisch basiertes Konzept zur Präsentation und Transformation historischer Objekte, welche die inhaltliche Basis der Ausstellung "Neun Stationen" bilden.
Neben einer Video- und zwei Audioinstallationen werden sechs Objekte im Sinne des "c1osed-circuit" transformiert und somit in einem zunächst befremdlichen, unbekannten und irritierenden Blickwinkel vorgestellt. Diese Betrachtungsweise impliziert eine Metaebene des Objektes vor deren Hintergrund in einer zweiten Begegnung - nämlich dem realen historischen Ausstellungsstück - eine Sensibilisierung stattfinden kann. Die enge Verschränkung von bildender Kunst und historischen Fakten lässt den Betrachter durch neue Wahrnehmungsformen andere Denkansätze erleben. Das historische Gut erfährt neben seines inhaltlichen Symbolgehaltes als Reverenz der 50er Jahre eine weiterführende Befragung durch den Künstler, dem es gelingt den verhandelten Inhalten eine für seine Fragestellungen relevantes Erscheinungsbild zu verleihen.
Alexander Steig, der bereits 2004 seine Videoinstallation "Sondervorführung" für die Räume der Galerie entwickelte und den Ort auf dem Gelände des Klinikums dabei sehr intensiv kennen gelernt hat, setzt sich nun zum zweiten Mal dieser Begegnung aus und erarbeitete gemeinsam mit der Leitung des Krankenhaus-Museums und der Galerie ein ungewöhnliches aber eindringliches Ausstellungskonzept, welches Gattungsgrenzen überschreitet und dabei sowohl historisch als auch künstlerisch interessierte Besucher bereichern kann.

Susanne Hinrichs, Galerie im Park, Bremen

Station 1: Zeitreise (Echtzeitübertragung) / Arbeitsalltag in der Anstalt

Station 2: Geist II / Der Hirnspiegel

Station 3: o.T. (Heil) / Der frontale Griff ins Hirn

Station 4: Haunted House (Fernsehzimmer) / Bürgerwehr gegen "geisteskranke Triebtäter"

Station 5: GAP / Die Geburtsstunde der modernen Psychopharmaka

Station 6: Skyline / Stärkung des Individuums - Psychotherapie

Station 7: Portrait / Im Spiel Konflikte erlernen

Station 8: Geist I / Krankheit Alkohol

Station 9: STAR # 3 / Abwicklung der NS-Vergangenheit - Vom Fanatiker zum Mitläufer